Galerie Hubert Winter

INGO NUSSBAUMER. la coleur te regarde - die Farbe blickt dich an
INGO NUSSBAUMER

In: la couleur te regarde/ die Farbe blickt dich an. 2004.
12 Serigrafien gedruckt mit Andreas Stalzer, gebunden, in Leineneinband ( 53,5 x 53,5 x 2 cm) in einer Kartonschatulle. Auflage: 10.
Herausgeber: Galerie Edition Stalzer, Galerie Hubert Winter, Wien. 

Die Formulierung »la couleur te regarde - die Farbe blickt dich an« beschreibt ein Phänomen, das sich sonst nur schwer in Worte fassen läßt. Es handelt sich um ein Ereignis, in dem Farbe selbstentäußernd wahrgenommen wird.
Andreas Stalzer und ich versuchten über Tage hinweg beim Mischen und Drucken, zu einem bestimmten Rot zu gelangen und kamen von einer Variante zur nächsten und wieder nächsten Stufe der Transparenzmischung. Das gesuchte Rot erschien uns kaum erreichbar. Einige Male stellten wir dabei den Aufbau für den Druck des Blattes um. Schließlich ereignete sich an einer Kette von Prozeduren, und zwar nur durch eine geringfügige Beimischung und Modifikation von Farbe, das angesprochene Phänomen. Bereits im nassen Zustand, als die Farbe frisch auf das Papier aufgedruckt war, wurde es faßbar: Nicht nur wir blickten das Rot an, es blickte auch uns an (wie der französische Ausdruck vorzüglich nahelegt). Es war eine Antwort, die vom Gegenstand der wahrnehmenden Hervorbringung kam. Das spezifische Rot lag plötzlich vor Auge und Hand. Die Farbe entfaltete ihre lebendige Struktur, ihr Eigengesicht.
Diese Erfahrung, mit welcher der Künstler - so meine ich - häufig operiert, um in das Besondere der Farbe einzudringen, unterscheidet sich doch wesentlich vom Umgang mit Farbe aus wissenschaftlicher Praxis und technischer Umsetzung. Der Unterschied besteht vereinfacht ausgedrückt darin, daß es in der Farbwissenschaft weniger um eine Wahrnehmung geht, die sich dem inneren Leuchten, dem Blick der Farbe anzunähern versucht, sondern um eine Methode der präzisen Erfassung von Farbe. Wissenschaft und Kunst müssen aber keine Widersprüche sein. Unter günstigen Voraussetzungen greifen sie gezielt ineinander. Für die hier dargebotene Folge von Serigraphien soll beides beansprucht und unter dem Titel »Dissipation der Farbe« kurz behandelt werden. »Dissipation« bedeutet vereinfacht »Zerteilung, Zerstreuung«. Den Hintergrund bildet unter anderem ein Begriff, der im Zuge wissenschaftlicher Bemühungen um das Verständnis evolutionärer Vorgänge auch als »dissipative Struktur« diskutiert wird.* 

Dissipation der Farbe 

Bei den zwei unbunten Farben: Schwarz / Weiß und vier bunten Farben: Rot / Gelb / Blau / Grün ging ich nicht von einer Idee der Grundfarbe (als materielles Prinzip zur Herleitung von Mischfarben) aus, sondern von der Idee einer Orientierungsfarbe. Diese kann im Unterschied zur Grundfarbe einfach Hauptfarbe heißen. Orientierungsfarben geben Grundrichtungen im Farbraum an. Aus Grundfarben leiten wir andere Farben durch Mischung ab. Zwischen Hauptfarben ordnen wir Farben ein bzw. fügen weitere Nuancen derselben Farbe an. Dies zeigt die Differenz des Umgangs mit Grund- und Hauptfarben an. Bunte Grundfarben denken wir uns normalerweise in voller Sättigungsstufe, dann abgewandelt durch Weiß (d. h. heller), durch Schwarz (d. h. dunkler), durch Grau (d. h. trüber) und durch sie selbst (d. h. zu bunten, teilbunten wie unbunten Folgefarben modifiziert). Bunte Hauptfarben stehen dagegen in einer Form chromatischer Balance, d.h. sie halten sich innerhalb eines Feldes, das man als eine Farbart (wie Rot, Blau oder Grün) identifiziert, quasi im Zentrum auf. In diesem Sinne wird ein die spezifische Farbart typisierendes Rot, Blau, Gelb und Grün gesucht, welches die Farbart als singuläre Farbe repräsentieren kann. In Rücksicht auf die Erscheinung des Helldunkels nimmt dabei die ein Farbfeld oder eine Farbreihe repräsentierende Farbe nicht notwendig die höchste Sättigungsstufe an. 
Um diesem Sachverhalt eine konkrete Anschauung zu geben, werden zwei Beispiele gegeben: (1) Einen optimalen Orientierungswert liefert ein Gelb, welches die Mitte zwischen Rot und Grün bzw. zwischen einem wärmeren oder kälteren, weicheren oder härteren gelben Farbton hält. Das Gelb erreicht damit eine optimale Lichtstufe und einen besonderen Eigenglanz. (2) Eine optimale Orientierung im Farbraum schafft ein Rot, welches die empfundene Mitte zwischen Orangerot und Purpur (sattem Magenta) hält. Dieses stellt sich gleichsam zwischen Licht und Finsternis bzw. auch zwischen Schwarz und Weiß. Erreicht man eine solche Stufe der Reduktion (ich nenne das monochromatische Inskription), so hat man einen Farborientierungswert vor sich, in den andere Farbwerte als Neigungswerte eingetragen werden können und die es erlauben, die Farbe wie auseinander zu legen oder zu fächern. Jeder Eintrag 'stört' bis zu einem gewissen Grad, aber erweitert eigentlich das dabei zunächst erzielte (monochromatische) System zu einer Reihe von Farbindividuen. Wird dabei die an das monochromatische System herangetragene Farbe in ein sich regelndes Verhalten übergeführt (z. B.: eine Farbnuance fordert eine bestimmte andere Farbnuance), so entsteht daraus eine dissipative Farbstruktur bzw. eine monochromatische Dissipation. 
In diesem Sinne eröffnen sechs Hauptfarben die hier entwickelte offene Reihe von Serigraphien, welche aufeinander bezogen sind und den Unterschied zwischen Farbherleitung und Farborientierung thematisieren. Gewöhnlich werden die Ausdrücke »Grundfarbe« und »Hauptfarbe« (bzw. »Primärfarbe«) im gleichen Sinne gebraucht. Eine Haupt- oder Orientierungsfarbe zeichnet sich, wie oben kurz erläutert, dadurch aus, daß sie eine Grundrichtung im Farbraum re-präsentiert. Bei Grundfarben, die auch in unmittelbarer Abhängigkeit zu vorhandenen Pigmenten stehen, muß dies nicht notwendig der Fall sein, d. h., daß sie abweichend davon mehr zu dem einen oder anderen Pol im Charakter von Farbe neigen. 
Der Farbraum wurde hier so angelegt, daß sich innerhalb der bunten Farben vier Grundrichtungen auseinanderlegen, welche sich zu den unbunten Grundrichtungen Schwarz und Weiß stellen (siehe Abbildung im aufklappbaren Teil der letzten Seite). Während Grün und Rot in Bezug auf das Helldunkel der bunten Farben eine Ausgleichsachse darstellen (Rot und Grün liegen ihrem Helldunkelwert nach nahe beieinander), verkörpern Gelb und Blau eine helldunkle Extremachse im bunten Farbbereich. Die eigentliche Pole des Helldunkels bilden jedoch Schwarz und Weiß. 
Gewöhnlich spricht man nur vom Farbraum (technischer Ordnungsbezug) und vom Raum der Farbe (psychologischer Typisierungsbezug) und läßt den Aspekt der Zeit außer acht. Doch Farben kennen durch ihre ihnen eigentümliche Bewegung auch Zeit und Geschwindigkeit. Es gibt langsame und schnelle Farben, wie es Farben gibt, die einen Eindruck des Momentanen und der Dauer erwecken können. Den Eindruck der Ruhe, den ein Blau erzeugen kann, hängt mit der typischen Bewegung des Blau zusammen. Auch läßt sich eine Bewegung nach innen und außen, nach vorne und hinten, nach rechts und links differenzieren. Viele Aspekte, welche den Raum- und Zeitcharakter der Farbe betreffen, können hier weder ausgesprochen noch näher behandelt werden. Das Raumzeitgefüge der Farbe erlaubt es, ein Gleiten in Farbraum und Farbzeit zu thematisieren. Die hier gemischten Farben wurden so angelegt, daß sie trotz ihrer Unterschiede und ihrer spezifischen Eigenheit zueinander keinen Bruch erzeugen, sondern wie auf einem Raumfeld zu liegen kommen und wie in einer sich sukzessiv modifizierenden Zeitbahn gleiten können. 
Eine andere Absicht bestand darin, die Eigenheit, die jeder Farbe inhärent scheint, aufzugreifen und künstlerisch zu bewegen. Bei einer verdeutlichenden Darstellung der spezifischen Eigenheit der Farbe spielen viele Faktoren eine Rolle. Trivial betrachtet wird eine solche Darstellung durch das Hereinnehmen von einer Farbe in die andere, von einem Farbton in den anderen konkretisiert. Bei subtiler Beobachtung entfaltet sich daraus aber ein Gespräch der Farben. Es erfolgt ein kommunikativer Aufbau, der zum Blick der Farbe wie aus einer Matrix der Farbe führt. 

Ingo Nussbaumer, Wien im Juli 2004 

* Eine dissipative Struktur wird gebildet, wenn ein Teil der aus der Umgebung stammenden und den Zustand eines Systems beeinflussenden Energie in ein geordnetes Verhalten neueren Typs umgesetzt wird. Vgl. dazu Ilya Prigogine, Vom Sein zum Werden, Zeit und Komplexität in den Naturwissenschaften, sowie Grégoire Nicolis, Ilya Prigogine, Die Erforschung des Komplexen, München 1979 u. 1987.