Galerie Hubert Winter

Francesca Woodman
23. Februar – 24. März 2018
Ein anderes Mal wird es so sein, ein anderes Mal werden die Dinge so sein, zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Was vor langer Zeit geschah und was jetzt nicht mehr geschieht, wird ein anderes Mal geschehen, wird ein anderes Mal so sein, wie es war in sehr fernen Zeiten. Wer heute lebt, wird ein anderes Mal leben, ein anderes Mal sein. (Aus dem Codex Florentinus).
Die letzten Zeilen. In: Jean Marie Gustave Le Clézio, Der mexikanische Traum. Dt. von R. u. H. Soellner. München, List, 1989.

„Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach.“ Oscar Wilde, Ernst sein ist alles oder Bunbury (1895)

In der viktorianischen Komödie der Irrungen von Oscar Wilde geben zwei der Charaktere vor, jemand Anderes zu sein: Sie wenden eine andere Identität an - nämlich die von Ernst - und bis zum Ende der drei Akte spielen sie ein spannendes Rollenspiel, das durch einen überraschenden Zufall aufgelöst wird.

In Francesca Woodmans Arbeit scheint dieselbe dreiseitige Kongruenz, die eine gewisse Gleichzeitigkeit aufweist, zu existieren. Tatsächlich sind drei Subjekte simultan anwesend: das Subjekt-Fotograf, das Subjekt-Objekt des Bildes und das Subjekt innerhalb des Rahmens, das auf den Betrachter zurückblickt (wirkt). Die Temporalität dieser „drei Akte“ materialisiert sich auf der Oberfläche von Woodmans Fotografien; erklärt, neben ihrer Erweiterung, den Arbeitsprozess der Künstlerin und macht auf ontologische Fragen zur Fotografie aufmerksam. Das Dreieckssymbol des Auges und das Problem des Blicks werden von derselben Triade der Subjekte in Erinnerung gerufen, deren diachrone Handlungen synchron vom Betrachter wahrgenommen werden. Die drei Akte werden mit einer wiederkehrenden Aufmerksamkeit für die Geometrie inszeniert - sowohl auf eine sichtbare als auch auf eine verborgene Weise. Während sie durch Objekte Formen–wie Kreise oder Rechtecke–evoziert, überschreitet Woodman die Grundsätze der Moderne, indem sie die Linien, die Winkel und die Umrahmungen kippt. Durch ihre Künstlerbücher bekommt man das Gefühl für ihr (allgemein und persönliches) Interesse an der Beziehung zwischen dem Körper–seiner Erweiterung–und dem Raum. Francesca Woodman schreibt: „These things […] make me think about where I fit in this odd geometry“¹. Und diese Aufmerksamkeit ist in ihrem gesamten Werk erkennbar, da sie - wenn auch oft in Bewegung - sichtbar im Raum und in ihrer Zeit eingebettet ist.

Anstatt das Konzept des Verschwindens vorzuschlagen - wie es von Kritikern oft angedeutet wird - ist ihre meist verschwommene Präsenz eine aktive Erscheinung (sie tritt auf und interagiert mit Tapeten, Möbelstücken, Architekturen und Landschaften): gewöhnlich sind ihre Intentionen verspielt und verwandt mit der Suche nach „wohin/hinein zu passen“. Woodmans Fotografien manifestieren nicht die Versuche zu verschwinden, sondern die möglichen Erkundungen eines Subjekts sich im Raum zu integrieren, eins mit ihm zu werden: sein eigenes, wunderliches Versteckspiel. Diese Verspieltheit soll in Verbindung mit ihren „Provokationen“ wahrgenommen werden: Sie präsentiert stolz nackte Körper, die den Betrachter in ein „seriöses Spiel“ verwickeln. Ihre unbeschwerte Einstellung war und ist äußerst relevant, denn ihre Macht war in der Tat ihre „Verfügbarkeit“, verschiedene Subjekte gleichzeitig zu sein, nackte „Körper“ (oder Teile davon) sichtbar zu machen und sie in einen dekonstruierten Rahmen zu integrieren.

In Francesca Woodmans (Denver, 1958-New York, 1981) zweiter Einzelausstellung in der Galerie Hubert Winter ist eine Auswahl an Arbeiten von 1972 bis 1980 zu sehen. Die Fotografien beschäftigen sich mit Themen oder Elementen (Engel, Möbel, Spiegel, Mode und symbolische Stillleben, Subjekte wie Blumen oder Tiere), die sich - um nur einige zu nennen - auf Surrealismus, Piktorialismus, viktorianische Gotik und Renaissance beziehen und die sich geometrisch in einem kontinuierlichen Querverweis zu ihrem eigenen Körper setzen, wobei die Quelle in Frage gestellt wird. Im Zentrum von Woodmans Praxis stand tatsächlich genau die Frage nach den Mitteln und der Objektivität der Kunst. In der Tat wird diese fortlaufende Untersuchung hervorgehoben, zum Beispiel durch ihre Gruppe von Modefotografien (eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen in Verbindung mit einem starken Interesse an Stoffen und Kleidern) und durch die späten großformatigen Blueprints, in denen sie andere Themen als Portraits aufgriff (Teile von Stadtansichten, Tiaras usw.)

Francesca Woodmans Fotografien sind verschwommen, es gibt keine scharfen Konturen und gerade deshalb sind sie so ernst: weil sie unmissverständlich die Unmöglichkeit der Klarheit offenbaren. Die drei Motive fügen sich ein, verwirren.
Die Wahrheit ist niemals einfach.

1. Francesca Woodman. Some disordered Interior Geometries (New York: 1980–81) Künstlerbuch

  • Nina Schedlmayer, “Anti-Porno” in Profil Nr. 9 (26. Februar 2018), S. 107 (PDF)