Galerie Hubert Winter

"Ein Brief" - New Paintings by Dexter Dalwood
curated by_ Michael Bracewell
15. September – 14. Oktober 2017
Ich sagte schon: Man muß Keats ganz und gar lesen. Denn außer diesen Gesängen finden sich auch in kurzen Fragmenten, in unvollständigen Gedichten noch Schätze - Federn, die dem Engel aus seinen Flügeln fielen, als er davonflog, um die Himmelschöre zu bereichern.
Die letzten Zeilen. In: Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Ich sucht´ein Glück, das es nicht gibt…“ Byron-Shelley-Keats. Dt. v. S. Vagt. Berlin, Wagenbach, 1999.

„… als bestünde mein Körper aus lauter Chiffern, die mir alles aufschließen. Oder als könnten wir in ein neues, ahnungsvolles Verhältnis zum ganzen Dasein treten, wenn wir anfingen, mit dem Herzen zu denken.“
(Hugo von Hofmansthal)

Die Ausstellung ist eine Antwort auf das Prosawerk Ein Brief (1902) des Wiener Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal, das auch als Brief des Lord Chandos an Francis Bacon bekannt wurde. Hofmannsthals mysteriöser, tiefgehender Text ist in Form eines Briefes von Lord Chandos an den englischen Philosophen Francis Bacon verfasst. Chandos entschuldigt sich in diesem dafür, seine literarischen Aktivitäten eingestellt zu haben.
Er berichtet, wie er allmählich seine Fähigkeit zu artikulieren, zu schreiben und selbst kohärente Sätze zu bilden verloren habe. Es ist, als sei ihm die Sprache ein zu vulgäres und sperriges Instrument, um damit die Intensität seiner sinnlichen und geistigen Erfahrungen zu transportieren. Er beendet den Brief mit dem Bekenntnis, dass er nun in Momenten intensiver empathischer Verbindung lebe, in welchen ihm Menschen und Orte zu Quellen göttlicher Offenbarung werden.
Hofmannsthals Text wurde aufgrund der in ihm enthaltenen Einsichten, seiner Ambiguität und Fremdartigkeit, als auch seiner inneren Widersprüchlichkeit wegen, viel diskutiert. Indem er die Trennung zwischen Wörtern und deren Bedeutung identifiziert und eine Atmosphäre böser Vorahnungen und des Unbehagens erzeugt, gilt er als einer der Gründungstexte der Moderne.

Als Hommage an die Stimmung, Rätselhaftigkeit und emotionale Schärfe von Hofmannsthals Text kuratiert Michael Bracewell eine Einzelausstellung mit neuen Malereien des britischen Künstlers Dexter Dalwood unter dem Titel Ein Brief. Dalwood malt Bilder, die Zitate aus der Kunstgeschichte und kultureller Ikonographie collagenhaft vereinen. Oftmals zeigen seine Malereien Stätten gewaltsamer, traumatischer und historischer Ereignisse. Charakter und Handlung werden über Symbole, die Atmosphäre und vor allem die visuelle Sprache und Stimmung des malerischen Aktes selbst kommuniziert.
In ihrer simultanen Beschäftigung mit Narration, Historie und Formalismus vermittelt Dexter Dalwoods Malerei der letzten Jahre über vergessen anmutende kunsthistorische Tableaus das Bewusstsein ikonischer und archetypischer Ereignisse.

Wenn, so wie Samuel Beckett über Marcel Proust schreibt, die Essenz der künstlerischen Produktion ein Akt der Übersetzung ist, in welchem die persönliche Erfahrung als universelle Wahrheit weitergegeben wird, dann beschreibt Hofmannsthals Text sowohl den Stillstand als auch die Transzendenz dieses Prozesses.
Dalwoods aktuelle Arbeiten beschäftigen sich mit Fragen der Sprache, Semantik, Psychologie und des Diskurses. Sie sind poetisch, nüchtern und nicht stringent – ungemein modern, sogar industriell. In eingefrorener Zeitlosigkeit beschreiben sie Ereignisse als Gefühl und Symbol.
Die Ausstellung komplimentiert das emotionale und psychologische Terrain, das auf feinsinnige Weise in Ein Brief beschrieben wird. Gleichzeitig bezieht sie Hofmannsthals Text auf die Geschichte und Kapazitäten des Mediums Malerei sowie auf weitere Themen, die im Rahmen von curated by_vienna: image/reads/text aufgegriffen werden.

Michael Bracewell (2017)

Die Ausstellung findet im Rahmen von curated by_vienna: „image/reads/text. Sprache in der zeitgenössischen Kunst“ statt. 2017 sind 21 Wiener Galerien am Projekt beteiligt. In Zusammenarbeit mit internationalen Kuratorinnen und Kuratoren konzipieren sie Ausstellungen, die unterschiedliche Perspektiven auf das Thema eröffnen. curated by_vienna wird von der Wirtschaftsagentur Wien mit ihrem Kreativzentrum departure gefördert und organisiert, um die Bedeutung Wiens als Galerienstandort zu unterstreichen. curatedby.at