Galerie Hubert Winter

Alice Cattaneo, Michael Höpfner
24. November – 23. Dezember 2017
Eine Nacht auf Erden hat mir so viel Freude mitgegeben, dass es für mein ganzes Leben reicht.
Eine Nacht auf Erden hat mich die Ewigkeit erahnen lassen.
Alles beginnt.
Die letzten Zeilen. In: Eric-Emmanuel Schmitt. Nachtfeuer. Was ich in der Wüste erlebte. Dt. v. M. Frucht. Ffm, S. Fischer, 2017.

“Und die Sensation ist das, was den Trieb zu einem gegebenen Moment bestimmt, genau wie der Trieb der Übergang von einer Sensation zu einer anderen, die Suche nach der ‘besten’ Sensation ist (nicht nach der angenehmsten, sondern nach der, die das Fleisch zu einem bestimmten Augenblick seines Herabsackens, seiner Kontraktion oder seiner Dehnung erfüllt).”(1)

Ganz offensichtlich haben Alice Cattaneo und Michael Höpfner unterschiedliche Herangehensweisen. Und obwohl Cattaneo im Bereich der Skulptur arbeitet und Höpfner das Gehen als künstlerischen Prozess verwendet, sind ihre Praktiken von gemeinsamen Instinkten geleitet. Unsere Ausstellung präsentiert einen konzentrierten Makrokosmos und definiert die Empfindung von (innerer / äußerer) Natur und Raum. Während Cattaneos Materialen die Essenz des konstruierten Raumes untersuchen, fokussiert Höpfner in seinen Arbeiten auf die unbewohnte und unberührte Natur.


Cattaneos Skulpturen verdichten die Struktur und Dynamik verschiedener Räume in wenigen linearen Elementen, als würden sie die umgebende Materie anziehen und konzentrieren. Scheinbar zurückhaltend und zerbrechlich, sind Cattaneos Skulpturen das komplette Gegenteil. Indem sie (erkennbar widersprüchliche) Materialien zusammenfügt, positionieren sie sich affirmativ nach entscheidenden und genau berechneten Spannungen im Raum. Cattaneo arbeitet mittels Reduktion von Elementen, die–trotz ihrer Subtilität–ihr Gewicht, ihre Präsenz, ihre "Bodenständigkeit" deutlich erhalten und andererseits in der Lage sind, sich wieder auszudehnen. Ihre scheinbare Instabilität ist durch einen spezifischen Moment verbunden, jeder Teil bedingt den anderen. Die Künstlerin kontrolliert den Dualismus von Dauerhaftigkeit und Vergänglichkeit: Die Objekte aus Beton, Plastik, Keramik und Murano Glas–Materialien, die einen historischen Bezug zu Architektur und Kunsthandwerk haben–finden sich in einem Grenzzustand zwischen Präsenz und Abwesenheit und liefern mittels feiner Details und Irritationen ein Gefühl der Unsicherheit, Prekarität und Zweifel.
Und es ist die gleiche Liminalität, die in Höpfners Arbeit auftritt, doch mit einem anderen Fokus. Mit dem aktiven und vor allem immer wiederkehrenden Verfolgen des Akts des Gehens durch Wüstengebiete (wie zB. Tibet und Nepal), geht Höpfners Beobachtung von der direkten Naturerfahrung aus. Mit seinen Schwarz-Weiß-Fotografien, Collagen und Zeichnungen versucht der Künstler das Undeutliche aufzuzeigen und die Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und dem größer lebenden Organismus der Natur zu hinterfragen. In einer Art von verzweigtem Dasein wächst seine vielschichtige Arbeit: Dem Betrachter selbst lässt er vereinzelt "Koordinaten" zukommen, um den Zusammenhang, der sich um die individuelle–und daher unfassbare– Erfahrungen herum befindet, zu erahnen. Zeitgleich kann man von den Landschaften die pulsierenden Venen, das Lebenselixier, aber auch ihre "Leblosigkeit" wahrnehmen.
Der Betrachter sieht Fragmente von Wüstenplätzen, die Spuren der Geschichte bewahren und als die fehlenden Teile eines größeren Ganzen stehen. Höpfners Präsenz ist subtil, intermittierend sichtbar und geht in zarter und vorsätzlich unspektakulärer Weise sowohl mit der Grandeur als auch mit dem Horror vacui der Natur um. In Verbindung vom direkten Abbild (der Fotografie) und der Erinnerung (Zeichnung), schafft Höpfner ausdrucksstarke, intime Kompositionen.

Beide Künstler haben durch ihre langwierigen Arbeitsprozesse ein beständiges Formenvokabular geschaffen, in dem der Betrachter zwischen verschiedenen Zeitkapseln reisen und die Passagen zwischen Permanenz und Vergehen, Nähe und Distanz erkunden kann.

Alice Cattaneo (1976, Mailand) studierte am San Francisco Art Institute und an der Glasgow School of Art. Nach einiger Zeit in den USA und zahlreichen Ausstellungen in Galerien und Museen kehrte sie nach Mailand zurück, wo sie lebt und arbeitet. Sie unterrichtet derzeit an der Accademia di Belle Arti di Brera, Mailand.

Michael Höpfner (1972, Krems / Donau) studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien - wo er unterrichtet - und an der Glasgow School of Art. Seit 1995 unternimmt er mehrmonatige Fußreisen in Nordindien, Ladhak, Nepal, Tibet, China, Südkorea, Schottland, Island, Senegal, Osttürkei, Libysche Sahara und verschiedenen Teilen Europas.

(1)Gilles Deleuze, Francis Bacon: The Logic of Sensation (London: Continuum, 2003)